Gedanken

Loslassen bedeutet Zulassen

22. Mai 2026

Mir ist Loslassen schon immer schwergefallen. Ehrlich gesagt fand ich es abstrakt, auch wenn es so schön, spirituell und richtig klingt.

Ich sagte mir: „Ich lasse das jetzt los.“ Ich schrieb Dinge auf, verbrannte Zettel, versuchte zu vergeben, zu fühlen, wegzulassen – und trotzdem blieb vieles da. Gedanken. Belastungen. Schuld. Sorgen. Schmerz.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, die Last meiner Gedanken drückt mich förmlich zu Boden. Mein Nervensystem war dauerangespannt. Und ständig kam Neues dazu. Dabei wollte ich nur loslassen. Kein Stress, sondern Frieden bitte! Innere Klarheit!

Bis ich einen Satz las: Loslassen bedeutet Zulassen. Und das war ein Aha! Moment für mich.

Denn das meiste ist ohnehin schon da.Die Angst. Die Unsicherheit. Die Enttäuschung. Die Trauer. Wegzaubern können wir sie nicht. Aber wir können aufhören, gegen sie anzukämpfen.

Unsere Sprache verrät oft mehr, als wir denken: BeLASTung. Druck. Schwere. AnSPANNUNG. Wer nicht loslassen kann, beginnt FESTzuHALTEN. Zu KONTROLLiEren. Zu KAeMPFen. Das kann zum erSTARRen beitragen oder wir verKRAMPFen förmlich. Nicht aus Boshaftigkeit – sondern aus Angst. Aus Angst, Halt zu verlieren. Denn oft scheint Kontrolle das Einzige zu sein, woran wir uns festhalten können.

Und doch verlieren wir paradoxerweise genau dadurch die Verbindung zu uns selbst. Wir versuchen, äußere Dinge festzuhalten: Beziehungen, Rollen, Sicherheit, Anerkennung, ein bestimmtes Bild von uns selbst (für welches wir gemocht werden). Aber all das sind Dinge im Außen. Nicht unser Wesen.

Zulassen würde also klingen, wie: Ich lasse zu, dass meine Tochter mich ablehnt. Ich lasse zu, dass mein Konto fast leer ist. Ich lasse zu, dass ich kein Hundemensch bin, obwohl wir einen haben. Ich lasse zu, dass ich von den Menschen, die mich verletzt haben, vielleicht nie eine Entschuldigung bekomme, nie ein Aussprechen oder Versöhnung. Es ist, wie es ist. Und das ist gut so. Schließlich habe ich das alles (irgendwie) so gewollt. Das ist keine Resignation. Ich höre auf, gegen das anzukämpfen, was ohnehin schon da ist. Es ist Teil meiner Geschichte. Aber es ist nicht mein Wesen. Und ich muss mich dafür nicht verurteilen. Nicht schämen. Nicht hassen.

Denn mein Wesen bleibt. (Mein Wesen ist lebendig, feinfühlig, wahrheitsliebend, hat Sinn für Schönheit, ist kreativ, liebt Stille und Natur und den Gesang von Vögeln. Mein Wesen sieht gern das große Ganze, sieht gern Zusammenhänge und Systeme, erkennt und entdeckt sie gern. Mein Wesen ist humorvoll und liebt echte Verbindung und Vertrautheit, es fühlt sich gern sicher und geborgen, ist offen für Wunder und Unaussprechliches. uvm.) Selbst dann, wenn das Leben chaotisch ist oder aus dem Ruder läuft.

Und irgendwann stellte sich mir eine Frage: Wer bin ich ohne den Kampf um Verständnis?

Wer bin ich, wenn keine Entschuldigung kommt? Keine Wiedergutmachung? Kein „Du hattest recht“? Was, wenn ich nicht verstanden werde und deshalb Ablehnung erfahre? Was bleibt, wenn etwas nie wirklich gelöst wird?

Und ich spüre immer öfter: Ich bleibe.

Gedanken verändern sich. Gefühle kommen und gehen. Menschen bleiben oder gehen. Aber etwas in mir bleibt. Etwas, das all das beobachtet und umfasst. Das wahrzunehmen, ist unglaublich beruhigend. Für mich fühlt sich das an wie Gewahrsein. Stille. Präsenz. Und plötzlich wird Frieden möglich – selbst dann, wenn nicht alles gelöst ist.

Unter dem Strich heiße ich damit ja nicht meine Fehler gut, mein Versagen oder das Versagen anderer. Aber ich kann es stehen lassen, ohne mit Schuldzuweisungen um mich zu werfen. Es geht nicht um Schuld. Es geht um uns. Um unser tiefstes Innerstes. Um unseren Frieden. Wir können die Vergangenheit ohnehin nicht ändern. Was passiert ist, ist passiert. Genauso wenig können wir andere Menschen ändern oder sie versuchen zu überzeugen, doch bitte anders darüber zu denken. Aber wir können „ich“ sein. Betrachten. Vergeben. Zulassen. Loslassen. 

Auch das Fühlen scheint in diesem Prozess wichtig zu sein, von Bedeutung. Kreisende Gedanken hängen für mich eng mit: nicht zulassen/loslassen zusammen und sie können einem den Schlaf rauben.

Gestern lag ich mit viel Unruhe im Bett und beschloss, das Gefühl einfach da sein zu lassen. Es saß irgendwo im Bauchraum, bewegte sich, veränderte sich – und ich beobachtete einfach und fand das wirklich interessant! (Also, was da so in mir da ist). Bis ich darüber einfach einschlief.

Unerklärlich vielleicht. Aber wahr

Für mich bedeutet Loslassen inzwischen nicht mehr wegmachen. Sondern zulassen. Es ist ein tägliches Üben. Auch für mich. Aber eines, das sich lohnt.

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