Teil 4 – Wer wäre ich ohne diesen Gedanken?
Wer bin ich ohne die Überzeugung, nicht gut genug, nicht wertvoll zu sein und es nie zu etwas zu bringen?
Ja, wer bin ich dann?
Das fühlt sich erstmal nach großer Freiheit an. Aber auch nach Leere.
Und genau so geht es mir zuerst: Ich kann nicht einfach etwas Neues definieren, wer ich jetzt bin. Aber da ist ein Hauch von:
Egal, was die anderen sagen – ich bin.
Egal, welche Erwartungen an mich getragen werden – ich bin.
Es ist ein Gefühl von: „Muss ich nicht wissen.“ Oder: „Es braucht gerade keine Reaktion von mir.“
Und das fühlt sich überraschend gut an.
Aber wer ich bin, weiß ich hier noch nicht. „Nur“, was ich loslassen kann. Und das ist auch schon viel.
Ich kann Erwartungen loslassen. Vorstellungen. Gesellschaftliche Schubladen. Meine Mutterrolle. Meine Rolle als Partnerin. Oder eben die Vorstellung davon. Die Bedeutung, die dem irgendwann gegeben wurde (von außen oder gar von mir selbst?!)
Das muss mich nicht mehr definieren. Nein: Ich selbst darf das definieren. Wie ich mich darin sehe. Wie viel von mir ich hineingeben möchte. Und vielleicht auch, wie lange etwas zu mir passt. Während ich das schreibe, merke ich, wie viel das mit Selbstermächtigung zu tun hat.
Wie viel von dem, was du bist, hast du auch bewusst entschieden zu sein? Und wie lange willst du es noch beibehalten?
Und vielleicht lässt sich die Frage „Wer bin ich?“ anfangs gar nicht so leicht beantworten.
Mir half erstmal eine andere Frage:
Wie bin ich eigentlich?
Was zieht sich durch dein Leben wie ein roter Faden? Was zieht dich seit deiner Kindheit immer wieder an? Ohne was kannst du einfach nicht sein? Wo bist du zuhause?
Denn das, was mich immer wieder anzieht, was ich liebe, gern tue oder gern habe, sagt vielleicht schon etwas darüber aus, wer ich bin. Welches Wesen ich habe.
Letzte Woche wurde mir bewusst, dass ich zum Beispiel sehr viel wahrnehme. Mehr, als mir manchmal lieb ist. Ich sehe Menschen nicht nur oder höre sie sprechen – ich spüre ihre Stimmung, ihre Energie und übernehme sie im schlimmsten Fall manchmal, ohne es rechtzeitig zu merken.
Ich denke in Bildern. Ich erkenne mich besser, wenn ich schreibe. Ich fühle mich verbunden und zuhause, wenn ich allein sein kann – vor allem in der Natur – mehr als unter vielen Menschen.
Lesen, zeichnen, Lebensgeschichten anderer Menschen interessieren mich.
Dem darf ich jetzt also einen Wert geben.
Denn das macht mich nun mal aus.
Ich bin kein Mathe- oder Technikgenie. Kreativ, aber kein großer Künstler. Kein Organisator. Ich habe lieber wenig als viel, damit es überschaubar bleibt und mich nicht erschlägt. Ich mag es lieber einfach als kompliziert.
Und so darf ich sein.
Es gibt – ohne diesen Glaubenssatz – keinen Grund mehr, das zu verstecken, es für minderwertig zu halten oder nicht zu lieben und zu nutzen.
Vor allem muss daraus nichts werden, was in der Vorstellung anderer liegt.
Es darf einfach sein. Sich entfalten. Und zeigen, wozu es genutzt werden will und auch wie. Vielleicht konnte vieles davon bisher gar nicht sichtbar werden, weil es keinen Wert hatte oder keine besondere Bedeutung bekam. Wie hätte sich etwas entfalten sollen, das immer das Gefühl hatte, falsch oder nicht wichtig zu sein? Seine wahre Größe kenne ich vielleicht selbst noch gar nicht.
Und was ist das bei dir? Wie bist du? Und was heißt das jetzt für dich?
Jetzt wird mir auch klar, warum ich mich selbst so selten gefragt habe, wie ich eigentlich bin.
Weil die Art und Weise, wie ich war, oft nicht geschätzt werden konnte.
Sie hat in kein Leistungssystem gepasst.
„Und was willst du damit anfangen?“ habe ich oft gehört.
Und irgendwann konnte ich mir diese Frage auch selbst nicht mehr beantworten.
Mir wurde klar gemacht, dass das, was ich war und wie ich war, keinen nennenswerten Wert hatte – weil Menschen um mich herum offenbar eine andere Vorstellung von Wert hatten.
Eine, die messbarer war. Gesellschaftlich kompatibler.
Wenn ich mir vorstelle, „Aus dir wird nie etwas werden“ gehört nicht zu mir, dann hieße das:
Ich darf leben und schauen, wie sich etwas entwickelt. Nein – ich muss gar nicht wissen, was aus mir wird. Ich muss wissen, wer ich bin.Und wer ich nicht bin. Jetzt und hier. Und ich sollte es im besten Fall nicht ablehnen, sondern annehmen. Weil Annahme Liebe ist – davon bin ich überzeugt.
Außerdem bräuchte ich keine Angst mehr vor dem Scheitern zu haben. Nicht ständig das Gefühl, dass, egal, was ich tue, es minderwertig ist. Dann hätte das, was ich tue, Berechtigung und Wert – einfach, weil es da ist. (Das fühlt sich gerade wirklich krass an. Und ungewohnt.)
Vielleicht wäre Scheitern dann gar kein Scheitern mehr. Sondern schlicht etwas, das ich auf meinem Weg tue: eine Erfahrung. Ein Erlebnis.
Ich würde mir weniger Gedanken darüber machen, was andere von mir denken.
Ich müsste mich nicht verstecken. Nicht ständig abwägen, was ich zeigen darf und was lieber nicht.
Denn ob andere mich oder das, was ich liebe, als wertvoll ansehen oder nicht, hätte dann keine Bedeutung mehr.
Und allein, dass diese Last der Sorge wegfällt, ist schon enorm viel.
Denn wenn es nicht stimmt, dass ich noch nicht genug bin und erst etwas werden muss –
dann muss das irgendwie für jeden gelten.
Dann bist du vielleicht wertvoll von Anfang an.
Mit all dem, was du bist.
Und wie fühlt sich DAS an?!