Gedanken

Welche Rolle(n) spielst oder verkörperst du und wer bist du ohne sie?

6. August 2026

Ich frage mich immer öfter, wer wir wirklich sind. Und was man uns nicht alles erzählt hat, wer und wie wir sein sollen. Was wurde unseren Eltern erzählt und davor wiederum unseren Großeltern, wer sie sind und wie sie sind? Welches Bild hatten sie dem zur Folge von sich und welches Bild haben wir von uns? Welches Bild hast du und welches ich? Und du von mir und ich von dir? Und wie viel Wahrheit steckt in diesem Bild? Wieviel Wirklichkeit?

Wenn du jetzt daran denkst, eine Frau (oder ein Mann) zu sein, dann ist das nicht zuerst eine Rolle, aber was verbindest du damit, eine Frau (oder ein Mann) zu sein. Welche Eigenschaften, die du irgendwann einmal gehört hast, sprichst du dir damit zu? Und diese Eigenschaften ändern sich sicherlich im Laufe der Zeit. Ist es Versorger und Beschützer?  Der oder die, die alles zusammen halten? Oder der, der den Überblick behält, kocht, putzt, das Geld nach Hause bringt…? Na, du weißt schon. Wieviel du, wie viel von deinem Herzen oder Wesen steckt aber wirklich darin?

Oder bist du Opfer von nicht wohlwollenden Mitmenschen, von Krankheiten, von Mangel in egal welcher Form, nicht funktionierenden Diäten oder was auch immer? Wieviel von dir steckt hier wirklich drin?! Kannst du mit absoluter Sicherheit sagen, dass du das BIST? Oder könntest du dich im Kleinen fragen, was in deiner Macht liegt? Worüber du entscheiden darfst und wo du aus der Opferrolle und letztlich ja auch Fremdbestimmung heraustreten darfst? Denn dein Wesen, dein Kern ist einzigartig und niemand kann ihn dir nehmen. Vielleicht beginnt es mit deiner Haltung. Vor allem der Haltung zu dir selbst.

Dann gibt es noch politisch geprägte Rollen. Vielleicht bist du ja Links und kannst gut gegen Rechts argumentieren oder andersherum. Du bist Wähler einer Partei, hinter der du stehst. Und du meinst vielleicht, dass du damit die Welt verändern könntest?

Vielleicht achtest du besonders auf ausgewogene Ernährung oder gehst ins Fitnessstudio, achtest auf deine Kleidung, dein Haar, deine Nägel, dein Aussehen?

Aber all diese Dinge können uns genommen werden. Keine Rolle, kein Körper, kein Gedanke, kein Gefühl ist von Dauer. Alles wird gehen und was bleibt dann von dir? Wer bist du also wirklich? Kannst du fühlen, dass es etwas Bleibendes in dir gibt? Kannst du es wahrnehmen?

Wir nutzen nicht nur selbst diese Rollen, wir stülpen sie unbemerkt gleich noch unseren Kindern über. Vielleicht kennst du das: Du hast endlich das Haus wieder sauber, du siehst nicht gern, dass die Hände und Kleidung deiner Kinder klebrig und schmutzig sind. Und dann toben die Nachbarskinder vorbei, springen mit Gummistiefeln in die Matschpfütze und wollen sie anschließend besuchen? Wir erzählen unbemerkt unseren Kindern, was sie tun dürfen und was nicht, wer sie sein sollen und wie nicht und nehmen dabei die Maßstäbe von uns (und unserer Erziehung) oder die der Gesellschaft, in der wir leben. Aber dabei verlernen wir, das Kind in seinem eigentlichen Wesen zu sehen. Wir formen es unbemerkt und passen es Vorstellungen an, die dem Wesen des Kindes gar nicht entsprechen. 

Ich glaube: Wir haben völlig vergessen, wer wir wirklich sind und was es bedeutet, zu sein, wie wir eigentlich sind. Und wir haben vergessen, zu sehen. Hinzusehen. Ohne direkt Geschichten oder Urteile zu finden. 

Wir drücken uns so oft selbst in Rollen, ohne darüber auch nur nachzudenken. Wir erfüllen sie und tun, was “man” eben tut, wenn man so ist. Wenn “man” so IST ?! Sind wir so? Ist das so? Wenn ja, sind wir nichts mehr wie Marionetten, die durch die Eigenschaften der Rollen den ganzen Tag bedient werden. Da werden innerlich Knöpfe gedrückt oder ein anderer drückt diese bei uns und wir regieren. 

Mir ist schon klar, dass wir Rollen manchmal brauchen, um einen Rahmen, in dem wir uns gut bewegen können, zu schaffen. Sie geben Struktur, uns selbst und vor allem in der Gesellschaft. Aber das Problem ist nicht die Rolle. Erst, wenn wir uns mit ihr identifizieren, wenn wir meinen: wir SIND das, dann beginnt es problematischer zu werden.

Und ich glaube, wir identifizieren uns auch zum Schutz. Damit wir wissen, wer oder wie wir vielleicht sind. Damit wir Angst oder Hilflosigkeit verbergen können, aber auch, damit wir keine Verantwortung übernehmen müssen. Ich sehe und höre letzteres oft in Berufen: “Aber ich muss das so machen”, “Das ist Vorschrift”, usw. Bestimmt ist dir das nicht ganz unbekannt. Wir verteidigen uns öfter, als uns lieb ist mit diesen Rollen. 

Wäre die Frage: Würdest du das auch tun als Mensch oder menschliches Wesen? Würdest du das auch tun, wenn du nicht müsstest? Wenn du diese Rolle nicht tragen müsstest? 

Ich bin eine gute Mutter, ich bin der beste Verkäufer, ich bin so schlau, ich bin ein echter Mann, ich bin Lehrer, ich bin reich, ich bin arm, ich bin Vorgesetzter, ich bin Christ, ich bin Buddhist, ich bin Atheist, ich bin spirituell. Wirklich?! Bist du sicher? 

Ich glaube, wir vergessen irgendwann, dass es Rollen sind und beginnen zu glauben, wir seien sie. Aber SIND wir das wirklich? Wer nimmt denn diese Rolle oder Position oder Identifikation ein? Spürst du, dass du -allem anderen voran- ein Mensch bist, ein menschliches Wesen? Und können wir unsere Rollen auch noch verlassen und ganz bei uns sein?

Deshalb dürfen wir uns gern mal fragen: Wer bin ich, wenn ich morgen meinen Beruf nicht mehr ausüben kann oder wenn ich meinen Job verliere? Wer bin ich, wenn meine Kinder aus dem Haus sind und die Welt erkunden? Wer bin ich, wenn mir Schuld gegeben wird für das Leid anderer? Wer bin ich, wenn ich ab morgen kaum noch Geld zur Verfügung habe? Wer bin ich, wenn ich morgen Millionär bin? Wer bin ich, wenn niemand meine Hilfe braucht? Wer, wenn ich niemandem helfen oder wenn ich niemanden retten kann, wenn niemand mich mehr braucht?

Spürst du bei manchen Fragen, wie sich deine vermeintliche Identität angegriffen fühlt?

Und jetzt soll mal einer sagen, wir sind wunderbar, einzigartig und frei. Aber das ist doch keine Freiheit, oder? Wir machen uns selbst abhängig, indem wir unser Sein, unser Herz oder unseren Verstand an Dinge hängen.

Wenn dir also alle Rollen genommen werden können, gibt es etwas von dir/in dir, was bleibt?

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