Ich habe in den letzten Tagen etwas gesehen, das mich nicht mehr loslässt.
Meine Tochter lebt in einer Wohngruppe. Und was ich dort mitbekommen habe, hat mich tief berührt. Sie hat sich nichts Großes gewünscht. Kein Programm. Keine Lösungen. Keine perfekten Antworten.
Eigentlich nur das: Einen Menschen, bei dem sie sein darf. Ankommen darf. Ohne etwas leisten zu müssen. Ohne Erwartungen erfüllen zu müssen. Einfach Nähe. Sicherheit. Ein Ort, an dem sie sich fallen lassen kann.
Und genau das war nicht möglich. Dieser Mensch konnte diesen Raum nicht lange halten, ohne die ersten Bedingungen spürbar zu machen und sogar Grenzen zu überschreiten.
Und ich merke, wie sehr sie das getroffen hat und dass es auch mich trifft.
Dabei es geht gar nicht nur um sie. Wenn ich die Jugendlichen dort erlebe, habe ich das Gefühl, dass sie alle genau das suchen. Einen Ort, an dem sie wirklich sein dürfen. Dabei vermute ich, dass keiner dieser Menschen einen solchen Ort bislang kennenlernte. Und über eine Wohngruppe hinaus, frage ich mich: Wie viele Menschen kennen einen solchen Ort oder können ihn geben?
Ich sehe den Ort Schule. Können unsere Kinder dorthin kommen und sein, wie sie sind? Fühlen sie sich dort sicher? Wohl kaum. Lehrer sind überfordert. Und Schulen hatten noch nie derartige Ressourcen und Kapazitäten.
In Wohngruppen? Oft auch nicht.
Und im Kindergarten? Auch dort stoßen viele an ihre Grenzen.
Und im Büro? Im Lager? Im Alltag? Und ich merke, wie ich nicht mit dem Finger auf Einzelne zeigen kann. Wir sind alle ein Stück weit überfordert. Aber die Sehnsucht bleibt. Die Sehnsucht nach einem Raum, in dem niemand etwas leisten muss, um angenommen zu werden. Wo niemand bewertet wird oder sogar vorverurteilt wird. Wo niemand sich anpassen muss, um dazu zu gehören. Wo man einfach da sein darf – so wie man ist.
Sind wir nicht alle auf der Suche danach?
Und sind wir nicht alle wertvoll – einfach, weil wir da sind?
Ich sehe Kinder und Jugendliche, die sich streiten. In Jüngeren Jahren über Spiele, darüber wer besser ist, später über Kleidung, Status, Identität, Herkunft, über politische Parolen.
Ich höre Sätze, die trennen, die hart machen, die verletzen.
Und ich frage mich: Was ist mit uns passiert?
Wann haben wir angefangen zu vergessen, dass wir alle etwas Eigenes und Wertvolles in uns tragen?
Und wann haben wir aufgehört, Räume zu schaffen, in denen genau das gesehen wird?
Vielleicht geht es gar nicht darum, sofort Antworten zu haben.
Aber um den Wunsch, dass wir wieder Orte finden oder sie erschaffen, an denen Menschen einfach sein dürfen. Ohne Angst. Ohne Leistung. Ohne Masken.
Vielleicht beginnt es im Kleinen. Vielleicht bei uns selbst. Aber ich glaube, genau das ist es, was uns allen fehlt.