Zur Erinnerung: ich betrachte nun diesen Satz unter den zwei ersten Fragen von Katie Byron in “the work”, welche
- Ist das wahr?
- Kannst du mit absoluter Sicherheit sagen, dass das wahr ist? lauten.
„Du wirst es nie zu etwas bringen.“
Ist das wahr? Selbst wenn ich jetzt sagte “Ja!”, dann doch nur, weil ich aus dem Verständnis heraus geglaubt und gelebt habe. Doch spätestens bei der Frage 2 wird ein genaueres Betrachten, ja ein Reflektieren notwendig.
Du wirst es nie zu etwas bringen.
Zu was eigentlich? Was meinen Menschen damit, wenn sie so etwas sagen?
Du wirst erfolglos bleiben…
Du wirst nie Wohlstand haben…
Dir wird es nie gut gehen…
Du wirst nie angesehen sein…?
Aber was heißt das denn? Wohlhabend sein, erfolgreich, angesehen? Denn tatsächlich unterliegen all diese Dinge der Meinung anderer Menschen. (Und Meinung sagt bereits: meins. Sie gehört ausschließlich dem, der sie sendet). Es sind individuelle Betrachtungen.
Jeder Mensch verbindet mit Erfolg, Glück, Wohlstand oder einem „gelungenen Leben“ etwas anderes. Der eine meint Reichtum, der andere Anerkennung, der nächste Familie, Freiheit oder Sicherheit. Es sind subjektive Vorstellungen. Fremde Maßstäbe. Und effektiv haben sie mit mir und meinem eigentlichen Wesen vielleicht gar nichts zu tun.
Sagt also jemand zu mir: Aus dir wird nie etwas werden, meint derjenige tatsächlich: Das, was ich mir so vorstelle, wirst du nie erreichen. Und beim Schreiben wird mir gerade klar, dass das vielleicht sogar ok ist. Das ist ja auch gar nicht meine Aufgabe, sondern die von dem, der das sagt, oder?!
Jetzt, als Erwachsene, kann ich das durchleuchten. Aber auch erst jetzt (und ich bin keine 20 mehr). Aber ein Kind möchte dazu gehören, sicher und anerkannt sein. Ein Kind kann solche Sätze vielleicht als Bedrohung oder Warnung empfinden: Es gibt ein Ziel für alle, das auch ich erreichen muss, aber es kann noch gar nicht einordnen, um welches es sich handelt.
Denke ich jetzt darüber nach, frage ich mich:
Wer bestimmt eigentlich, was ich erreichen möchte? Ich.
Und wer bestimmt, in welcher Form und Reichweite ich das brauche? Auch ich.
Das habe ich einen Großteil meines Lebens gar nicht wahrgenommen.
Der Satz gibt also ursprünglich und genau genommen ein äußeres Ziel vor:
Richte dich nach außen.
Orientiere dich an Erwartungen.
Vergleiche dich.
Passe dich an.
Mach es möglichst vielen recht.
Und das tat ich. Und damit war ich nie wirklich bei mir. Nie bei dem, was ich mir eigentlich wünsche. (Eigentlich. Also das, was mir eigen ist.) Ich habe sogar aufgehört, darüber nachzudenken, was ich mir wünsche, welche Bedürfnisse ich habe usw.
Die Orientierung wird vollkommen ins Außen verlagert. Und sobald das passiert, beginne ich automatisch, mich zu vergleichen. Ich laufe Gefahr, anderen gefallen zu wollen. (Und Gefallen heißt, du fällst. Nämlich aus dir heraus.)
Du bist nicht mehr bei dir.
Du bewohnst dich nicht mehr.
Das macht orientierungslos, denn das Außen ist alles Mögliche und Unmögliche.
Und noch etwas wurde mir bewusst: Der Satz sagt nicht nur, dass ich scheitern werde.
Er sagt auch, dass ich überhaupt erst etwas werden muss. Dass ich, so wie ich bin, noch nicht genug bin.
Noch nichts Wertvolles. Nichts Vorzeigbares. Nichts Bedeutendes.
Der Glaubenssatz „Du bist nicht gut genug“ schwingt hier direkt mit.
Du musst erst jemand werden. Erfolgreich. Anerkannt. Wohlhabend. Sozial eingebunden. Gesund. Leistungsfähig. Vorzeigbar. Usw. Alles Dinge, die du erst werden musst, weil du sie offenbar noch nicht bist.
Und gleichzeitig sagt der Satz unterschwellig schon voraus: Du wirst es ohnehin nie schaffen.
Was für eine zerstörerische Kombination. Entweder entsteht daraus Überanstrengung.
Oder Resignation.
Immer aber entsteht Entfernung zu sich selbst.
Denn wenn mein Wert im Außen liegt, verliere ich zwangsläufig die Verbindung nach innen.
Mir wurde dabei bewusst, dass solche Sätze nicht nur verletzen. Sie greifen unsere Identität an. Oder mehr noch: Sie beginnen, Identität zu formen. Sie bestimmen unseren Wert und das Fundament, auf dem wir stehen wollen. Wenn wir bestimmte Dinge oft genug hören, beginnen wir irgendwann, sie nicht mehr nur zu glauben — sondern zu werden. Zumindest glauben wir das. Und vielleicht besteht ein großer Teil innerer Heilung darin, zu erkennen, dass wir vieles von dem, was wir über uns denken, niemals selbst waren. Sondern übernommen haben.
Und erschüttert hat mich vor allem eines:
Dass Sätze, die von außen kommen und oft nichts über unser wahres Wesen aussagen, eine solche Macht über uns entwickeln können. Wie hat es mein Selbstbild, meine Beziehungen, meinen Blick auf´s Leben geprägt.
Und ehrlich: Wahrheit oder Erkenntnis machen zwar frei. Aber in jedem Fall zuerst traurig. Ja, in dem Fall bin ich zudem auch etwas erschüttert und ernüchtert. Wie viel Kraft floss in Vorstellungen, die gar nichts mit mir zu tun hatten?! Und wie oft habe ich versucht, wie selbstverständlich, in ein Bild zu passen, das nicht meines war.
Sie haben die Fähigkeit, ganze Bereiche unseres Lebens zu lenken.
Sie verhindern vollständige Entfaltung oder Vertrauen. Sie verhindern manchmal sogar Erfolg — gerade weil man begonnen hat, sie zu glauben. Sie verhindern Wohlergehen. Zufriedenheit. Freude. Sie können alles verhindern, alles Lebendige und Echte!
Und trotzdem glaube ich:
Die meisten Menschen sprechen solche Sätze nicht aus Boshaftigkeit.
Eher entstehen sie aus Angst. Aus Überforderung. Aus Hilflosigkeit. Aus Kontrollverlust.
Vielleicht auch aus Wut über die eigene Ohnmacht oder das eigene Versagen.
Denn wenn Menschen in starken Gefühlen gefangen sind, sagen sie oft Dinge, deren Tragweite sie selbst nicht überblicken.
Wenn überhaupt, verstehen wir die Folgen solcher Worte oft erst viele Jahre später.
Kann ich mir also absolut sicher sein, dass ich es nie zu etwas bringen werde?
Das kommt wohl ganz darauf an, was ich für wichtig und erstrebenswert halte. Und so gesehen kann ich sagen: Nein! Ich kann mir nicht sicher sein, es nie zu etwas zu bringen. Denn das ein oder andere, was mir wichtig war, habe ich bereits erreicht.
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