Rückblickend erkenne ich sehr viele Momente, in denen ich in Angst lebte. Ich dachte aus Angst heraus, sprach aus Angst heraus, hielt mich oder andere zurück, handelte oder tat nichts! Aus Angst heraus.
Angst zu viel zu sein für andere, Angst zu wenig zu sein…
Mein Leben war davon geprägt, mich irgendwie zu schützen. Aber es wurde irgendwann normal.
In den letzten Jahren hat das Leben dafür gesorgt, mich immer wieder meiner Angst zu stellen.
Obrigkeiten, Behörden, mehrere Unfälle, Mobilitätsverlust in mehrfacher Hinsicht, ein Selbstmordversuch eines nahestehenden Menschen, finanzieller Abgrund, Schulden, Abhängigkeit statt Freiheit. Ablehnung von nahestehenden Menschen, Verurteilung, Druck von innen und von außen. Es schien kein Ende zu nehmen und ist auch noch nicht zu Ende.
Und Angst, mich irgend jemanden anzuvertrauen, mich zu öffnen, Hilfe anzunehmen. Aus Scham. Aus Angst.
Ich hatte keine Ahnung, wie ich Vertrauen in mein Leben bringen sollte, denn alles schien schief zu gehen. Und doch: Ich wollte vertrauen, ich wollte etwas Leichtigkeit, atmen, lachen.
Jetzt erst bemerke ich, dass Vertrauen selten den ganzen Weg kennt oder einen Plan hat. (Sonst bräuchte man ja kein Vertrauen). Nein, Vertrauen ist: aufstehen, Krone richten, weitergehen – auch wenn man den Weg nicht sehen kann und sich wie im Nebel voran tastet. Immer ein Schritt nach dem anderen. Mehr nicht.
Und ich begreife, dass es unsere Situation (jede Einzelne) akut verschlimmert, wenn wir sie vorschnell beurteilen und bewerten und sie aus den Augen der Angst betrachten. Denn Angst kennt viele Geschichten und diese kreisen dann in unseren Gedanken und rauben uns teilweise den Schlaf. Erst hier entsteht echtes Leid.
Also frage ich mich seit kurzem: Woher kommen meine Gedanken? Aus Angst oder aus Vertrauen?
Und vielleicht kennst du die Geschichte von dem Bauer, dessen Sohn sich sein Bein brach und die Leute kamen und sagten: So ein Unglück! Wer hilft dir jetzt auf dem Feld? Der Bauer aber sagte: Wir wissen nicht, wozu es gut ist.
Ein paar Wochen später zog der König des Landes in den Krieg und forderte dazu alle jungen Männer des Dorfes ein – außer den Sohn des Bauers, Wegen des gebrochenen Beines war er ausgemustert. Und die Leute kamen und sagten: So ein Glück! Aber der Bauer wiederholte: Wer weiß, wozu es gut ist.
Und dann kaufte ich ein Auto von dem bisschen Geld, was ich noch hatte. Weil ich einen Ort fand, zum Lernen, Wachsen und Aufatmen. Ich war glücklich. Nach wenigen Wochen stellte sich heraus, dass ich Schrott gekauft habe und die Reparaturen im Verhältnis zum Auto viel zu hoch wären. Ich war todunglücklich. Keine Reise, kein Auto und kein Geld.
Ich fragte in einem stillen Gespräch mit meiner 17jährigen Tochter: Wie kann ich nach all dem Vertrauen? Jetzt im Falle mit dem Auto zum Beispiel?! Wie??
Und sie antwortete: “Du misst dem Auto und der Situation einen vielleicht viel zu hohen negativen Wert bei. Vertrauen beginnt mit Gleichgültigkeit. Es muss dir gleich-gültig sein. Positives wie negatives, gut und schlecht. Sie haben gleiche Gültigkeit. Nichts ist besser oder schlechter.” Und – bähm! Das hatte gesessen.
ICH gebe all dem Wert. ICH tauche alles in Verlust. Ich betrachte aus Angst.
Vertrauen sagt: ok. Es ist, was es ist. Und was es wird und wie es wird, ist nicht absehbar. Also geht Vertrauen weiter. Unwissend, aber scheinbar mit dem sicheren Gefühl: Es geht weiter.
In der Theorie wusste ich das irgendwie. Aber Praxis und Erleben und Anwenden ist etwas anderes.
Beim genauen Hinsehen zwingt uns Angst sogar ein Stück weit dazu, gegen unsere Natur zu leben. Geleitet von Angst beginnen wir zu kontrollieren. Wir verstecken uns. Wir wagen nichts. Wir bitten nicht um Hilfe. Wir wollen alles vorher wissen. Wir wollen Sicherheit statt Lebendigkeit.
Vertrauen dagegen kennt den Weg nicht. Es hat keinen Plan für die nächsten zehn Jahre. Es sagt nicht: Alles wird gut. Es sagt nur: Geh weiter. Atme. Bitte um Hilfe. Lass los. Oder mach den nächsten Schritt. Bleibe ruhig, bleibe zuversichtlich.
Und noch etwas: Wenn uns etwas Unschönes oder Schreckliches passiert, fragen wir: Warum passiert das ausgerechnet mir? Warum ausgerechnet jetzt?
Vielleicht sollten wir besser fragen: Was will das Leben dadurch in mir entwickeln? Was will sich entfalten? Was will wachsen?
Und dann sind es gar nicht die Umstände, die unser Leben bestimmen, sondern die Brille, durch die wir sie betrachten.
Ich glaube nicht, dass das Leben gegen uns ist – trotz aller Umstände. Und ich glaube auch nicht, dass wir alles verstehen müssen. Vielleicht dürfen wir einfach aufhören, sofort zu wissen, was etwas bedeutet. Vielleicht dürfen wir auch aufhören, dagegen anzukämpfen.
Wir dürfen bleiben und sagen: Es ist, wie es ist. Und ich weiß noch nicht, wozu und warum. Noch nicht. Aber ich gehe weiter. Schritt für Schritt.